1959 - also vor über 50 Jahren war mein erstes Studienjahr in der Medizin. Start in der Unfallambulanz im Knappschaftskrankenhaus in Bochum-Langendreer. Erste Konfrontation mit Verunglücken, Zerstörung von körperlicher Integrität und den Gegenstrategien der Unfallversorgung, die die Medizin zur Verfügung stellen kann. Konfrontation mit der Komplexität von Geschehen...nicht jeder, der verletzt ist, trägt daran Schuld. Der logische Schlüssel, der sich langsam abzeichnet: die Bedeutung von Achtsamkeit als wichtigstes Prinzip im Umgang mit der Vielfalt des Geschehens
War am letzten Mittwoch gerne der Einladung des leitenden chrurgischen Arztes des kleinen lokalen Krankenhauses, der Salzachklinik in Fridolfing gefolgt, mit ihm in der Zeit bis zu unserem Start nach Tahiti wieder an die medizinische Versorgungsbasis zurückzukehren und ihn sowohl in der Ambulanzsprechstunde, dem Operationsbetrieb und dne Notfalleinsätzen mit dem Notarztwagen zu begleiten.
Sein Kollege Dr. S. war als Schiffsarzt auf der Seacloud und so konnten wir uns dann gleich zu einem spannenden Gedankenaustausch nach dem Operationsprogramm am letzten Freitag verabreden, nachdem ich ihm vorher bei einer Operation mit einer ganz neuen Technik assistieren durfte. Auch hier wurde wieder deutlich: im Zentrum alles Tuns steht die Achtsamkeit. Vieler seiner Erfahrungen auf der Seacloud zeigten, dass es weniger um bravouröse Eingriffe geht als um einen umsichtigen Kontakt mit dem Kapitän, der die Gesundheit aller im Blick hat.
Das Erleben der engagierten Kollegen an der Basis aktivierte viele Erinnerungen und machte den Entwicklungsbogen deutlicher, den ich in den vielen Stationen meiner ärztlichen Tätigkeit in den vergangenen 50 Jahren durchmessen habe. Dr. R. hatte recht, als er sagte, die beste Vorbereitung auf meine Zeit auf dem Starflyer, die er sich vorstellen könnte, sei wieder in die Art der Basisversorgung einzutauchen, die in seinem kleinen Krankenhaus geleistet würde.
Wenn man viele Jahre in der fachärztlichen Versorgung in einer extrem arbeitsteiligen Handlungsstruktur gearbeitet hat, dann ist man sich oft gar nicht mehr bewusst, wie weit das Ausmaß der eigenen Spezialisierung gegangen ist. Unsere eigene Wirklichkeit ist immer ein Konstrukt und nicht die ganze Realität. In solchen Begegnungen mit Basispositionen, aber auch der Reflektion von Entwicklungslinien wird das mit einer schönen Unmittelbarkeit deutlich.
Auch hier treffe ich wieder auf den Aspekt der Achtsamkeit: ich glaube, ich tue gut daran, der Achtsamkeit den ersten Platz bei meinem Tun einzuräumen.
Montag, 11. Januar 2010
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